Arbeiten im Kollektiv – Utopie oder Realität?

Bei kollektiven Wohn- und Erwerbsformen denken viele an linksalternative 68er, die sich in Kommunen organisieren. Doch die Vision von der Selbstverwaltung mit flachen Hierarchien ist im 21. Jahrhundert nicht völlig ausgestorben. Denn auch heute gibt es Menschen, die versuchen ihre eigenen beruflichen Vorstellungen umsetzen und dies fern von herkömmlichen Anstellungs- und Arbeitsverhältnissen.

Einer dieser Menschen ist Manuel Altdorfer, der während seines Zivildiensteinsatzes bei der Kontaktstelle für Arbeitslose in Basel, einen Leitfaden zur Bildung kollektiver und selbstverwalteter Erwerbsstrukturen verfasst hat. Diesen Leitfaden mit dem Titel „Blaupause Kollektiv“ möchte ich Euch hier vorstellen.

Manuel Altdorfer ist gelernter Schreiner und lebt in einer Hausgenossenschaft, welche als Kollektiv organisiert ist. Diese Kollektivstruktur (d.h. Hierarchiefrei und gemeinschaftlich) will er auch für seine berufliche Zukunft als Schreiner umsetzen. Die Erfahrungen, die er bei seinen Planungen gesammelt hat, hat er in der vorliegenden Broschüre festgehalten, um anderen Menschen, die sich als Kollektiv organisierten möchten, einen pragmatischen Ratgeber mitzugeben.

In Altdorfers Leitfaden geht es um die verschiedenen Aspekte, die bei der Gründung eines Kollektivs oder bei der Überführung einer hierarchisch aufgebauten Arbeitsumgebung hin zu einer selbstverwalteten, beachtet werden müssen. Grundsätzlich betont er: „Die Gründung eines selbstverwalteten Kollektivbetriebes ist nicht eine Alternative zum kapitalistischen Alltag… Es ist lediglich ein Kompromiss, denn auch ein Kollektiv muss wirtschaftlich sein und sich mit dem existierenden ökonomischen Umfeld arrangieren.

Damit dieser Spagat zwischen der wirtschaftlichen Realität und der Vision vom Kollektiv gelingt, ist für Altdorfer zunächst das Festlegen von Gruppenprozessen wichtig. Also wie werden Entscheidungen getroffen, wer wird wie bezahlt, welche Art der Arbeit übernimmt das Kollektiv und wie viel Arbeit soll angenommen werden. Ein weiterer Punkt ist dabei der Umgang mit ungewollten Machtverhältnissen oder der Umgang mit Streit und Konflikten.

Weitere Aspekte, welche die Broschüre beleuchtet, sind rechtliche und organisatorische Fragen. Dazu gehört die Frage nach der geeigneten Wahl der Rechtsform des Kollektivs (z.B. GmBH, Aktiengesellschaft….). Oder wie soll mit allfälligen Schulden oder Betreibungen umgegangen werden?

Auch die Finanzen dürfen bei der Planung eines Kollektivs nicht ausser Acht gelassen werden. Dabei geht es, laut Altdorfer, um die Wahl der Lohnform, um Sozialabgaben und Versicherungen. Auch der Umgang mit allfälligen finanziellen Engpässen oder mit finanziellen Überschüssen sollte eingeplant werden.

Der abschliessende Teil des Leitfadens beschäftigt sich mit speziellen Aspekten von hierarchischen Strukturen. Grundsätzlich besteht ja die Annahme, dass sich Menschen mit ähnlichen Voraussetzungen zu einem Kollektiv zusammentun und damit auf der gleichen hierarchischen Stufe stehen. Wie ist das aber mit Auszubildenden, die eigentlich einen Ausbildner (=hierarchisch vorgesetzte Person) brauchen? Ausserdem wird die Frage gestreift, ob und unter welchen Umständen Menschen ohne Papiere (Sans-papier) in einem Kollektiv beschäftigt werden können.

Auf rund 60 Seiten deckt Manuel Altdorfer die wichtigsten Punkte ab, an die bei der Gründung eines selbstverwalteten Betriebs gedacht werden sollten. Ausserdem stellt er im Laufe der Broschüre kurz zwei reale Beispiele von Kollektiven aus der Region BS vor. Für alle, die mit dem Gedanken spielen, sich beruflich in einem Kollektiv zu organisieren, ist der Leitfaden ein hilfreicher Ratgeber.

Die Publikation kann unter folgendem Link gratis heruntergeladen werden: https://kstbasel.ch/publikationen/. Alternativ kann die Publikation auch bei der Kontaktstelle für Arbeitslose bestellt werden unter dieser E-Mail Adresse: loetscher@kstbasel.ch. In diesem Fall kostet sie 20.- CHF, um die Druckkosten zu decken.

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